Sonntag, 12. September 2010

Der große Naturschock


Ich habe es gegooglet und mir wurde lediglich "Naturschmuck" vorgeschlagen, dennoch bin ich mir sicher: Es gibt einen Naturschock. Ich habe ihn. Gestern waren etwa 150 von uns Austauschstudenten (inklusive fast meiner gesamten WG) beim "Rettir" und auf der "Golden Circle Tour". Wir standen vorm Geysir, haben uns vom "Gulfoss", dem "Goldenen Wasserfall" nass spritzen lassen und waren in Þingvellir, dem historischen Ort an dem 930 das Alþing, also das isländische Parlament gegründet wurde. "Rettir" bezeichnet das Zusammentreiben und Sortieren der Schafe zu Beginn des Winters (den man auch Beginn der Schlachtzeit nennen könnte), die das ganze Jahr hindurch frei auf der Insel herum laufen dürfen.
Von neun Uhr morgens an stehen wir drei Stunden auf einer Wiese mitten im Nirgendwo und schauen uns an, wie Isländer jeden Alters in einem Rondell zwischen unzählbar vielen Schafen herumlaufen und mithilfe der Plaketten am Ohr ihre Schafe wiedererkennen. Die identifizierten Schafe werden anschließend durch Tore auf angrenzende Miniweiden verteilt und von dort abtransportiert.

Unzählbar viele Schafen werden von einer angrenzenden Weide in das Rondell getrieben


Die Marke wird gecheckt....
... und dann das Schaf bei den Hörnern gepackt.

Das ganze ist ein riesiges soziales Event. Zumindest für die Isländer. Mamas mit Kleinkindern an den Händen laufen quatschend neben anderen Mamas mit Kleinkindern zwischen den Schafen umher, während der Mann mit den großen Kindern (ca. sechs Jahre aufwärts) Schafe zusammen sammelt. Alle sind sie in Lopi gehüllt (die isländische Schafswolle) und freuen sich. Worüber genau und wieso das alles so aufregend sein soll, erschließt sich uns Ausländern allerdings nicht. Als wir uns irgendwann trauen uns unter die Schaf-Menschen-Menge zu mischen versammelt sich gleich eine riesige Traube von Tieren um mich. Irgendwie scheinen sie zu spüren, dass ich garantiert nicht die Absicht verfolge sie in einen Transporter zu stecken und zum Schlachter zu bringen. Vielmehr versuche ich mich mit diesem Anblick der total verstörten und gestressten Tiere irgendwie zu arrangieren. Völlig gelähmt stehe ich da und beobachte kleine Kinder, die sich an die Hörner und Felle der Schafe krallen und diese zu ihren Toren führen.

Anschließend ist der Geysir dran und, was soll ich sagen, da kommt halt Wasser aus der Erde. Ich kann die Begeisterung der Touristen für dieses sprudelnde Wasserloch in der Erde nicht so richtig teilen. Ich bin totmüde vom frühen Aufstehen, der vielen frischen Luft und den Gefühlen, die Rettir in mir ausgelöst hat. In dem Moment finde ich alles schon nur so mittel, versuche aber gegen den aufkommenden Unmut anzukämpfen und schieße doch ein paar Fotos.

Das Wasser dieses Geysirs schießt etwa 30 m hoch.
 Der nächste Stop ist am Gullfoss. Ich bin schon total hinüber, als wir plötzlich vor diesem Wasserfall stehen, der mich völlig sprachlos macht. Über zwei Stufen rauschen Unmengen an Wasser den Fluß entlang in eine Schlucht. Egal in welche Himmelsrichtung man schaut: Nur endlose Weite, die aussieht wie von der kitschigsten Postkarte und unter uns dieses Naturspektakel, das einem als Stadtkind total die Sprache verschlägt. Ich hatte zwar immer die Vermutung, dass es Orte auf der Erde geben muss, wo keine Häuser stehen, niemand zur U-Bahn hetzt und die Natur noch das Sagen hat, aber hier holt mich eben jene doch etwas zu schnell ein. Ich find alles gut und gleichzeitig schrecklich. "Dieses ganze Naturding" (wie meine Mitbewohnerin Alex es neulich formulierte) überfordert mich und ich verstehe mich selbst nicht.



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Ich bin immer noch überwältigt, wenn ich die Fotos anschaue, wenngleich sie nicht annähernd wiedergeben, was man sieht, wenn man sich tatsächlich dort befindet.
Zurück im Bus schlafe ich sofort völlig erschöpft ein und finde es alles andere als cool, als wir plötzlich schon wieder irgendwo halten und ich mir noch mehr überwältigend schönschreckliche Natur anschauen soll. Darauf habe ich keine Lust, ich würde lieber in ein Flugzeug nach New York steigen und ein bisschen Smog am Big Apple einatmen. Entsprechend entnervt steige ich aus dem Bus, denke mir, dass es mir total egal ist, dass das hier ein total historischer Ort sein soll, stolpere den anderen hinterher - und stehe plötzlich an dem schönsten Ort, den ich hier in Island bisher gesehen habe.






Der Blick von oben - das Wasser ist so klar, dass man bis auf den Grund gucken kann.







Mit Theresa und Kristian klettere ich auf den Felsen, bestaune das klare Wasser, sitze in der Sonne und frage mich, wie ich das alles verkraften soll.
Ich finde diese viele Natur ganz furchtbar, weil sie mich total überfordert. Genau danach habe ich gesucht, als ich herkam. Aber jetzt habe ich einen Naturschock.

2 Kommentare:

  1. Boah Janina, du Großstadtgöre du!
    Die Fotos sind einfach unglaublich und wenn du dann noch sagst, dass sie bei weitem nicht die Wirklichkeit widerspiegeln, ist das nicht mehr zu fassen! Dass es so etwas Schönes gibt... Palmen und Strand sind doch ausgelutscht. Ich will in den Norden, die Weite spüren und mir Polarluft um die Nase wehen lassen.
    Wir können auch gerne tauschen: Du in Berlin, ich im Schoße Mutter Naturs. Na, na? ;)

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  2. im schoße von mutter natur? und wer geht dann für mich in die uni, wenn du die ganze zeit mit der nase in der polarluft hängst? die ich im übrigen selbst sehr angenehm finde, auch wenns manchmal doch sehr kalt ist. aber danke für die großstadtgöre, da fühl ich mich gleich besser du blödmann :S :P

    ach so: und schade, dass du gestern nicht ausm flugzeug geklettert bist. hätte mích gefreut.

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