Ja, ich fühlte mich vorhin tatsächlich an das Gedicht von Goethe erinnert. Nirgends sonst auf der Welt ist es mir bisher passiert, dass meine Laune so konstant unkonstant ist. Scheint die Sonne (und lässt den Sturm mal zur Abwechslung zuhause), dann steigt meine Laune aufs islandmögliche Höchstmaß. Sobald sie sich hinter einem Haus versteckt oder etwas passiert, das mir nicht in den Kram passt, werde ich grummelig und bemerke wieder all die Dinge, die mir gar nicht gefallen: Die Tomate sieht weder aus wie eine Tomate, noch schmeckt sie wie eine. Ständig sieht man nur das gleiche, weil die Stadt so winzig ist. Nirgends hat man seine Ruhe, selbst wenn man sonntags schwimmen geht sitzen mindestens fünf bekannte Gesichter neben einem im HotPot. Aber vor allem: Nichts kann man hier als Durchschnittsstudent aus Deutschland ohne riesiges Sparkonto bezahlen.
Ich lebe am Existenzminimum. Alle Hartz-IV-Empfänger, die sich beschweren können ja mal versuchen in Island zu leben und mit dem ihnen zur Verfügung stehenden Geld auch noch dieses fremde Land zu erkunden. Ist leider nicht drin. River Rafting am Wochenende? Fehlanzeige. Frustshoppen gegen Heimweh? Fehlanzeige. Automieten und durchs ganze Land brettern? Aber bitte nur, wenn alle Plätze besetzt sind und das Geld durch möglichst viele geteilt werden kann. Selten in meinem Leben war Geld solch ein Dauerthema wie hier. Seit kurzem gehe ich mit meiner Mitbewohnerin Alex containern und stelle fest, dass fast alle Studenten das tun (zumindest die ausländischen). Als wir neulich abends unterwegs sind begegnen wir wie immer grobgeschätzten 29 Leuten, die wir kennen. Jeder zweite davon reagiert auf unsere Aussage, dass wir grad containern gehen mit der Antwort: "Ach ja, machen wir auch immer!" Kleidung hat vermutlich noch niemand in einem "normalen" Geschäft gekauft; dafür kennt inzwischen fast jeder die Adressen der Heilsarmee und des Isländischen Roten Kreuzes.
Das Durchschnittseinkommen eines Mannes in Island liegt bei 41.000 Euro pro Jahr und für Miete, Kleidung, Nahrungsmittel und das eine oder andere Vergnügen ab und an ist man die hier auch schnell los. Für mein Zimmer mit Bett, Einbauschrank, einem Schreibtisch von der Größe eines Tellers und einem sehr kleinen Bad mit Dusche zahle ich mehr als für meine Zwei-Zimmer-Wohnung in Kreuzberg. Die Küche teile ich mit fünf anderen dauerhaft hier wohnenden Studenten und diversen fremden, sich in der Wintersaison nach Island verirrenden Touristen, die ab und an plötzlich morgens mit am Frühstückstisch sitzen. Der einzige wirkliche Luxus ist mein Balkon. Nicht etwa, weil man dort so schön in der Sonne seinen Kaffee trinken könnte, während der eiskalte Polarwind einem um die Ohren fegt, sondern weil ich dadurch mein Zimmer richtig lüften kann. Das normale isländische Fenster verfügt nämlich nur über eine einzige Luke, die sich um etwa 20° ankippen lässt. Meine Mitbewohner aus dem Hinterhaus müssen die Haustür offen stehen lassen um an frische Luft zu kommen.
Die letzten Tage hat mich das Heimweh sehr gequält. Meine Kommilitonen finden es alle unglaublich toll hier, aber ich werde nicht warm mit diesem Land. Die finanzielle Not nagt stark an mir; es macht einfach keinen Spaß selbst im "Bonus" (dem isländischen ALDI) alles als zu teuer zu empfinden. Außerdem komme ich mir wie in einem Käfig mit Laufrad vor: Ständig die gleiche beschränkte Aussicht. Lediglich Alex und meine andere Mitbewohnerin Ulla können mich verstehen, auch ihnen fällt es schwer hier anzukommen.
Ich habe beschlossen die Flucht nach vorne anzutreten und mich mit der Islandkunde in jeglicher Hinsicht zu beschäftigen. Ständig merke ich, wie wenig ich eigentlich über dieses Land weiß. Das letzte halbe Jahr von meiner Bewerbung um den Erasmusplatz bis hin zum Abflug habe ich fast ausnahmslos arbeitend verbracht. Entweder ich habe Geld verdient oder mich meinem Projekt in der Uni gewidmet. Während meine jetzigen Kommilitonen bereits in Nordisland einen Sprachkurs machten und einmal durchs ganze Land fuhren war ich damit beschäftigt, eine dreißigseitige Projektdokumentation zu verfassen. Für Vorbereitungen auf meinen Auslandsaufenthalt war keine Zeit.
Ich konnte mich weder der Landeskunde widmen, noch psychisch auf Island vorbereiten und spüre, dass mir das nun fehlt. Wenn andere davon reden, wo sie am Wochenende waren weiß ich oft nicht einmal von welchem Ort sie sprechen. Wie eine Verrückte sauge ich alles auf, das ich über Island erfahre. Vorgestern war ich im National Museum um mich mit der Geschichte des Landes vertraut zu machen. Obwohl ich schon mehr Credits mache als vorgeschrieben besuche ich neben "Icelandic nature and cultural legacy" noch einen weiteren landeskundlichen Kurs. Mit meinem nichtvorhandenen Geld (wozu hat man eine Kreditkarte) habe ich mich heute mit Literatur eingedeckt. Dieses Land ist merkwürdig und vor allem der Isländer an sich ist mir noch ein Rätsel. Als ich herkam habe ich neben der hübschen Natur vor allem erfahren wollen wie der Isländer lebt. Finden die es gut da oben so mitten im Nordatlantik ganz allein zu leben? Langweilen die sich nie? Fühlen sie sich eigentlich als Europäer? Zumindest die letzte Frage kann ich bereits beantworten. Der Isländer ist ein Isländer. Zu ihren nächsten Nachbarn mögen einige eindeutig europäische Staaten gehören (Schottland, Norwegen...). Mag sein, dass sie ihre dicken fetten Karren aus den USA herschaffen - der Isländer ist ein Isländer ist ein Isländer. Die Isländer sind stolz auf ihr Land und lassen das auch gern raushängen. Und ich habe den Eindruck, sie finden es sogar gut, dass sie so weit oben weg vom Rest der Welt leben. Ich kann mich nicht entsinnen, irgendwo zuvor so ununterbrochen auch unfreiwillig mit der Geschichte und Kultur eines Landes konfrontiert worden zu sein. Tourismus ist eines der wichtigsten Güter des Landes, entsprechend stark wird alles vermarktet, das irgendwie "isländisch" ist. Gleichzeitig scheinen die Isländer eine eingeschworene Gesellschaft zu sein, die niemand anderen benötigt.
Heute erzählte Kristian mir von einem Mann, der ihn angesprochen habe, als er gerade am Wasser lang lief. Der Mann war etwa Mitte fünfzig, steckte in einem schicken Anzug und entstammte seiner Haut- und Haarfarbe nach zu schließen eher aus dem arabischen Raum. Sehr freundlich bat er Kristian auf englisch ihm etwas über die Umgebung zu erzählen.
"Wie heißt dieser Berg dort drüben auf der anderen Seite des Ufers?"
"Das ist der Esja-Berg."
"Aha. Und dieser See? Wie heißt dieser See?"
Kristian schaute ihn völlig verdutzt an und antwortete: "Das ist kein See. Das ist der Nordatlantik."
Sehr beeindruckt antwortete der Mann: "HIER endet der also!"
Kristian erklärte ihm, dass der Atlantik hier nicht ende, sondern das ganze Land einschließe. "Island ist eine Insel."
Was auch immer im Kopf dieses Mannes vor sich ging (ob er sein Gedächtnis verloren hatte, geistig verwirrt, ein merkwürdigerweise sehr gut angezogener Flüchtling von einem Schiff oder gar ein Engel war wie Kristian gerne glauben wollte) so muss ich ihm doch irgendwie Recht geben: HIER endet der Atlantik. Island liegt nicht nur irgendwo knapp unterhalb des nördlichen Polarkreises und Reykjavik nicht zufällig schon auf der nordamerikanischen Kontinentalplatte, sondern tatsächlich am anderen Ende der Welt. Und dieses Ende mit seinem bitterkalten Wind, dem Fünf-Euro-Bier, den orangefarbenen Tomaten und seinen in sich verschworenen Einwohnern muss man wohl einfach lieben, statt von himmeljoch jauchzend in Todesbetrübnis zu stürzen. Aber ich habe dazu ja noch ein bisschen Zeit.
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