Montag, 6. September 2010

Plötzlich Winter. Plötzlich alles anders.

So kenne ich mich gar nicht. Zwar habe ich bisher jedes mal bei längerer Abwesenheit von zuhause irgendwann Heimweh nach Berlin bekommen, diesmal aber beginnt's gleich am Flughafen. Ich stehe in der Schlange zum Boarding zwischen lauter Isländern und reiße mich zusammen nicht loszuflennen. Ich halts genau bis zu meinem Sitzplatz durch. Mein Kopf lehnt am Fenster, ich starre in die Dunkelheit und heule wie ein kleines Kind. Draußen gewittert es, wir können nicht starten und ich frage mich, ob meine Liebsten wohl aus ihrer "Parklücke" auf dem Acker im schönen Dörfchen Schönefeld kommen oder tief im Schlamm feststecken. Nach einer Ewigkeit starten wir doch noch, aber ich bekomme es irgendwie gar nicht wirklich mit. Ich befinde mich in totaler Trance. Der Flug dauert drei Stunden, die ich komplett durchheule und nur eine Pause mache, um mir eine Cola zu bestellen.
Als ich aus dem Flughafen Keflavik trete ist mein erster Gedanke: "Nordpol." Obwohl ich mir einen Pulli, eine Jacke und einen Schal angezogen habe friere ich erbärmlich. In Berlin waren knapp 30° C gewesen, hier sind es gefühlte Minusgrade. Halb erfroren, erschöpft und totmüde erreiche ich um nächtliche 1.30 Ortszeit  (3.30 deutsche Zeit) endlich meine Unterkunft für die kommenden zehn Tage. Ich wohne bei Björg, die in ihrem Einfamilienhaus eine kleine Wohnung mit einem Zimmer, Bad und Küche untervermietet. Die erste Nacht soll ich jedoch als Couchsurferin auf einem Klappbett verbringen, weil die Wohnung noch belegt ist.
Am nächsten morgen wache ich viel zu früh auf und will die Gunst des hoffentlich nicht belegten Badezimmers nutzen. Auf dem Weg ins obere Stockwerk wird mir bewusst, was ich in der Nacht zuvor nur erahnt habe: Ich wohne bei einem Messie. Jedes Stück Sofa, der Boden, alle Regale sind belegt mit riesigen Stapeln von Büchern, Klamotten, Spielzeug, Schuhen und irgendwelchem Krempel. Ich habe so eine Unordnung wirklich noch nie gesehen. Das Badezimmer ist genauso vollgestopft und neben Wäscheständer und Katzenklo lässt sich die Tür nur noch zur Hälfte schließen. Da sich nicht mal ein Ort findet, wo ich das Katzenklo kurzfristig unterbringen könnte bleibt mir nix anderes übrig, als mit halb geöffneter Tür zu duschen. Nach zwei Minuten höre ich die Tür zum Badezimmervorraum aufgehen; kurz darauf öffnet sich auch meine Tür. Während ich mich noch frage, wer denn bitte derart unverschämt ist einfach so reinzumarschieren, wenn das Bad offensichtlich belegt ist erscheint auch schon ein Junge von etwa zehn Jahren im Türrahmen. Und starrt mich an. Und starrt und starrt. Völlig perplex über so viel Dreistigkeit starre ich nur zurück. Plötzlich dreht sich der Kleine um und ich höre ihn nebenan auf dem Klo verschwinden. Es vergeht kaum eine Minute, da öffnet er wieder die Tür, stellt sich neben mich ans Waschbecken und wäscht sich in aller Seelenruhe die Hände. Noch ein letzter Blick und er ist wieder draußen.

Das ist jetzt zwei Wochen her. Inzwischen wohne ich nicht mehr bei Messiebjörg und ihrem Spannersohn, sondern mit mehreren anderen Studenten in einem Guesthouse, das in der Wintersaison seine Zimmer zu "Sonder"preisen an Studenten vermietet. Diese Sonderpreise sind wie alle anderen immer noch enorm hoch. Mittlerweile denke ich nicht mehr bei jedem Artikel, den ich kaufe: "Oh mein Gott, wie unglaublich teuer!", dennoch möchte mir nicht ausmalen, wieviel ich ohne Krise zahlen müsste. (Wer mir ein Carepaket schicken möchte ist herzlich eingeladen!)
Auch an die Temperaturen, die oft gar nicht so niedrig sind, gewöhne ich mich. Habe ich mich anfangs gefragt wie in aller Welt die Einheimischen bei dieser Kälte mit offenen Schuhen rumrennen können, so trage ich inzwischen auch bei nur zehn Grad eine kurze Hose. Alles eine Frage der Gewohnheit. Dabei ist es oft auch gar nicht so kalt; die Sonne besitzt eine ganz schöne Power. Als ich kurz nach meiner Ankunft nach dem Baden im Hot Pot (die sich natürlich immer draußen befinden) nass nur im Bikini in der Sonne liege habe ich danach tatsächlich einen Abdruck am Körper.
Die Stadt, so habe ich den Eindruck, kenne ich inzwischen nahezu vollständig. Mit der arroganten Art des Großstädters lache ich innerlich über eine sogenannte Hauptstadt, in der man alles zu Fuß erreicht. Eben rief mich Theresa an, auch eine deutsche Austauschstudentin, die sich am anderen Ende des Bezirks befand - ich konnte das Flugzeug, das die Hintergrundgeräusche durchs Telefon erzeugte gleichzeitig über mein Haus donnern hören. Jeder kennt hier jeden, wann immer ich aus dem Haus gehe sehe ich bekannte Gesichter. "Wir sehen uns!" ist hier nicht nur eine Floskel, wer es verpasst die Tussi in der Bar nach ihrer Telefonnummer zu fragen muss nur ein paar Tage warten und bekommt eine neue Gelegenheit. Malcolm, ein Halbfranzose-Halbschotte, der seit mittlerweile drei Jahren hier lebt, unterhält sich neulich im Kaffibarinn (DER Szenekneipe des Landes) mit einer Blondine und wird danach nicht müde zu erwähnen, wie unglaublich erstaunlich es doch sei, dass er dieses Mädchen in der ganzen Zeit hier noch nie kennengelernt habe.

Insgesamt gibt es in Reykjavik nicht wirklich viel zu tun. Meine Vorlesungen haben immer noch nicht begonnen, die immergleichen Gesichter und Geschäfte (die man in der Regel ohnehin nicht zahlen kann), Partys gibt es unter der Woche nicht. Dafür feiern die Isländer am Wochenende umso ausgelassener. Die Staßen, die tagsüber in einem Dämmerschlaf liegen sind nachts plötzlich überfüllt und es wird gedrängelt, geschubst und hemmungslos der überteuerte Alkohol mit dem Mund auf unschuldige Partygänger geprustet. Von meiner ersten Party komme ich mit lauter Glassplittern in den Schuhsohlen und von oben bis unten mit Bier bespritzt zurück.
Für tagsüber habe ich mir ein neues Hobby zugelegt: Ich stricke jetzt. Das ist nicht nur eine prima Freizeitbeschäftigung, der man in Bus, Uni und Bett nachgehen kann, sondern gleichzeitig eine Annäherung an die isländische Kultur. Nichts kann man in so vielen Läden kaufen wie den traditionellen Islandpulli in jeder Farbe und unendlich vielen Mustern. Inzwischen bin ich schon richtig besessen und bekannt als die, die immer strickt. Mir fällt nichts ein, das ebenso produktiv wie entspannend gleichzeitig wäre wie Stricken. Parole: Knit a bit!

Reykjavik ist winzig, die Leute sprechen eine Sprache, die nicht von dieser Welt ist und das einzige, das hier nicht mit der Kreditkarte gezahlt wird ist das Ticket im Bus, den man ausschließlich nutzt, wenn man die Stadt verlassen möchte. Ich habe das Gefühl schon Ewigkeiten hier zu sein und fühle mich gleichzeitig ganz furchtbar fremd. 2380 km trennen mich von zuhause, das ist in etwa die gleiche Strecke wie von Berlin nach Gibraltar, doch dieses Land hier kann man nur mit dem Flugzeug verlassen, außer man möchte mit dem Schiff über die Faröer Inseln, Finnland und Dänemark fahren. Ein ganz merkwürdiges Gefühl.

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