Montag, 27. September 2010

Komm ich heut nicht, komm ich morgen....

... aber ich schreib dir auch erst fünf Minuten vorher eine mail um abzusagen. Wenn überhaupt. Wie, du checkst nicht jeden morgen, mittag, abend und auch nochmal nachts dein e-mail-Fach? Tja, selber schuld.

Willkommen in Island, dem Land der Lockerflockigen. Wichtige Informationen werden dir hier erst im letzten Moment mitgeteilt, wobei "wichtig" völlig relativ ist. Außerdem bin ich mir nicht sicher, ob es im Isländischen wohl die Formulierung "langfristige Planung" gibt. Besonders die Uni betreibt dieses Spiel auf olympischem Niveau. Während du nicht davon ausgehen solltest, dass dir mitgeteilt wird wenn der Kurs ausfällt ("Ja, die Dozentin ist noch in Seattle, sie kommt doch erst morgen zurück. Oder nächste Woche, vielleicht aber auch gar nicht. Wir werden sehen.") darf deine Dozentin aber sehr wohl von dir erwarten, dass du morgens um acht alle Unterlagen ausgedruckt vor dir zu liegen hast, die sie dir gestern abend um 22.38 Uhr über das Uni-Intranet zukommen ließ.
Gerade in der Uni werden die vielen Eigentümlichkeiten des Isländers offensichtlich. Anfangs war ich verblüfft darüber, dass wir unsere Dozenten bei den Vornamen ansprechen dürfen, nachdem sie uns zu Beginn der ersten Sitzung bereits ihre gesamte Biographie einschließlich der Namen ihrer Kinder und Enkel mitgeteilt hatten. Die Sache mit den Vornamen überrascht jedoch eigentlich nicht mehr wenn man bedenkt, dass sich ja auch die Nachnamen von den Vornamen der Eltern ableiten und es zusätzlich keine Sie-Form im Isländischen gibt. Die Vorstellung, es sei höflich jemandem mit dem Nachnamen anzusprechen existiert hier einfach nicht. Selbst das Telefonbuch ist nach Vornamen sortiert. Dass dein Dozent dir neben seinem Geburtsort und seinem Lieblinggericht auch noch mitteilt, dass er am liebsten mit seinen Enkelkindern Pilze sammeln geht und die Kinder alle blonde Locken haben verwundert auch niemanden mehr, der mal einen Tag durch Reykjavik gelaufen ist: Die Isländer vermehren sich einfach gerne und vor allem früh (aber dazu mal was an anderer Stelle...), sie sind ausgesprochen kinderfreundlich und manchmal habe ich den Eindruck , ein Kind ist sogar so etwas wie ein Statussymbol.
Außerdem ist mir bereist zu Ohren gekommen, dass der Isländer ein Allrounder ist und gerne von allem etwas macht, was leider auf Kosten des Spezialistentums geht. Dies wird auch in der Uni deutlich: Mein Kurs "Educational settings" befasste sich zuletzt innerhalb einer einzigen Sitzung mit dem Lehren und Lernen von Personen jeden Alters außerhalb der Schule, einem Projekt für amerikanische Schüler und Studenten, die in Island Workshops zum Thema Energiegewinnung und -einsparung besuchen (den Zusammenhang dieser Unterrichtseinheit mit unserem Seminarthema habe ich wirklich gar nicht begriffen) sowie den Unterrichtsbedingungen in ländlichen Gebieten Südafrikas. Gleichzeitig bekamen wir die Hausaufgabe einen Schwimm- oder Strickkurs zu besuchen und in einem Essay zu erläutern, wie die gewählte Fähigkeit vom Lehrer an den Schüler vermittelt wird. Diese Hausaufgabe wird von unserer Dozentin Ingunn beurteilt, die wir leider niemals persönlich treffen werden, da sie in den USA lebt. Aber "maybe we can have a skype conversation with her one day".
Mein Dozent für "Icelandic nature" starrte neulich völlig verblüfft in die Runde als mein Kommiliton Umberto fragte, was denn eigentlich zum Erwerb der 10 Credits notwendig sei. Ob wir eventuell eine Prüfung schreiben oder eine Hausarbeit verfassen müssen? "Examination?", war die Antwort meines Dozenten, "you wanna write an examination?" Seinem Gesicht nach zu urteilen war er selbst noch gar nicht auf die Idee gekommen, dass wir irgendeine Leistung erbringen müssen. Nach kurzem Überlegen kam er zu dem Entschluss, dass es eine ganz großartige Idee sei, wenn wir für die Austauschstudenten des kommenden Jahres einen Erfahrungsbericht verfassen. Wenngleich ich den Zusammenhang mit dem Seminarthema (mal wieder) nicht wirklich verstehe, bin ich damit einverstanden. Ich übersetze ihm gern den Erfahrungsbericht, den ich ohnehin fürs Akademische Auslandsamt verfassen muss ins Englische.
Neben den genannten Kursen bin ich noch für den "Icelandic Self study course" und für "Teaching practice" eingeschrieben. Mehr Kurse dürfe ich nur mit Extragenehmigung meiner Fakultät besuchen wurde mir erklärt. Ich bin mir auch jetzt noch nicht sicher, ob ich darüber lachen oder weinen soll. Vier Kurse nur, der Kombibachelorstudent in mir muss das erstmal begreifen.
Besonders fragwürdig finde ich den Isländischkurs, den ich online absolvieren muss und der für jeden Interessierten nach Registrierung frei zugänglich ist. Im Vorlesungsverzeichnis hieß es noch, es sei ein Gruppenkurs, aber vermutlich ist der Dozent nicht aus dem Urlaub zurück gekommen oder so. Jedenfalls dürfen wir jetzt in Eigenregie Videos mit Dialogen anschauen und anschließend die richtigen Wörter in Lückentexte einfügen. Vorgesehen sind 10 Stunden Workload wöchentlich, sofern man in der Prüfung am Ende des Semesters eine gute Note schreiben möchte. Aber wen bitte interessiert denn schon in Deutschland meine Isländischnote.... "Teaching practice" hat bisher noch nicht begonnen, sieht aber wie der Name schon nahelegt ein Unterrichtspraktikum in einer isländischen Schule vor. Dazu durfte ich Wünsche äußern, welches Fach ich gerne unterrichten möchte. Die einzige Info, die ich bisher habe ist, dass ich an einer Grundschule sein werde.
Langsam dämmert mir immer mehr, dass mir der Islandaufenthalt aus akademischer Sicht nichts bringt. Ich habe das gleiche Problem wie eigentlich alle anderen auch: Ganz viele der ausgeschriebenen Kurse wurden einfach gecancelt. Wir sind ja schließlich in Island; belegste den Kurs nicht dieses Semester, na dann eben im nächsten! Hier bekomme ich eine Vorstellung vom Studium Generale, denn nichts anderes tue ich gerade. Ich finde die Uni wirklich interessant, es macht mir Spaß mich im Rahmen der Islandkunde auch mal mit etwas völlig anderem zu beschäftigen als zuhause und ich empfinde die Atmosphäre an der Uni als sehr angenehm. Jedoch spukt mir im Hinterkopf ständig der Gedanke herum, dass ich hier Zeit verplempere, weil ich überhaupt nicht mit meinem Studium voran komme. Wenn ich Glück habe kann ich mir "Educational settings" zuhause anrechnen lasse, aber das ist auch schon alles. Außerdem finde ich es ein wenig schade, dass ich für den Praxiskurs an eine Grundschule verwiesen wurde, während ich eigentlich ganz bewusst Oberschullehrerin werde.
Aber wer weiß, vielleicht bekomme ich ja am Morgen des ersten Praktikumstages noch eine Mail mit der Info, dass sich alles geändert hat und ich bitte in einer halben Stunde in einer völlig anderen Schule sein soll. Wundern würde es mich nicht.

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