Sonntag, 3. April 2011

Aftur á Islandí - Zurück in Island

Ich musste nicht mal den Flughafen verlassen um bekannte Gesichter zu entdecken. An der Kasse im Duty-Free-Shop, wo ich Einkäufe für meine Gastgeber tätige, werde ich plötzlich von hinten angesprochen: "Hey, what are you doing here?!" Vor mir stehen zwei meiner alten Dozentinnen, die gerade aus Dänemark zurück gekommen sind. Bei einem höchstens 30 Minuten dauernden Spaziergang durch die nächtliche Stadt treffe ich einen betrunkenen Domenico, der mir freudig in die Arme fällt und am nächsten morgen postet mir Malcolm auf meine Pinnwand "so it was you i saw last night?".
Willkommen in Island. 
Vor acht Tagen bin ich in Keflavik gelandet und warte seitdem auf "das" Islandgefühl. Aber was ist das eigentlich? Wenn ich an meinen Islandaufenthalt zurück denke erinnere ich mich daran, wie oft ich im Dunkeln die Laugavegur runterlief mit einer leeren Plastiktüte in der Jackentasche und einer Alex an meiner Seite. Wie wir auf dem Rückweg volle Tüten durch die Meute der betrunkenen Partygänger auf der Austurstræti und der Bankastræti schleppten. Ich sehe Ulla und mich unser weniges Geld auf dem Kolaportið ausgeben, erinnere mich an die Strickabende mit Theresa in der Küche, die viel zu klein für so viele Hausbewohner war. Ich höre wie Mikloss viel zu leichter Schreibtisch mit jedem Tippen auf den Laptop gegen die Wand stößt und Ullas arabische Musik über den Flur hallt. Ich erinnere mich an diese unglaubliche Sonne, in der ich gleich in der ersten Woche innerhalb weniger Minuten braun wurde, was mir sonst nicht mal im Hochsommer in Süditalien so schnell passiert und an den Wind, der dich gleichzeitig glauben lässt, dass du jede Sekunde erfrieren wirst. Vor meinen Augen erscheint das "Bonusschwein", das Logo der Billigsupermarktkette, wo ich beim Einkauf vor jedem Regal mindestens eine mir bekannte Person traf. Aber ich denke auch daran, wie ich oft abends kulturgeschockt zuhause blieb wenn die anderen Party machen gingen, wofür ich ohnehin kein Geld hatte und stattdessen strickte, um irgendwann erschöpft einzuschlafen, nicht jedoch ohne vorher noch voller Wehmut festzustellen, dass einer meiner Berliner Freunde auf Facebook Status wie "Search and Destroy tonight!" gepostet hatte. Das Gefühl nicht einmal akademisch sinnvoll beschäftigt zu sein machte den Gefühlszustand dieser Abende nicht besser. Einige Heimwehtränen sind in solchen Momenten geflossen, was ich bis dato nicht von mir kannte.
Aufgrund all dieser Erinnerungen bin ich wieder hier und suche nach etwas, von dem ich nicht weiß, was es ist, das ich aber überall vermute. Gleich am Tag nach meiner nächtlichen Ankuft in der Stadt und der (nicht besonders neuen) Erkenntnis, dass Island eigentlich ein Dorf ist war ich bei "Food not bombs" (der isländischen Vokü) essen, um gleich im Anschluss endlich wieder zwei schöne Teile auf dem Flohmarkt zu erstehen. Am nächsten Tag fuhr ich in den Norden des Landes über die Ringstraße, auf der einem manchmal eine Stunde oder länger niemand begegnet. An der Seite schlängeln sich auf dem Weg zwischen Reykjavik und Akureyri, einer der "größeren" Städte des Landes, endlose Flüsse vor Bergen, die zu dieser Jahreszeit voller Puderzucker sind, ebenso wie ein großer Teil der Lavafelder und Wiesen zu ihren Füßen. Akureyri liegt nur 50 km südlich des Polarkreises und kaum denkt man, es werde Frühling und der Schnee schmelze angesichts der grünen Flecken drumherum langsam landet man ganz plötzlich auf einem Teil der Straße, der so dicht mit Schnee bedeckt und von Nebel umgeben ist, dass die Sichtweite nur noch etwa 5 m beträgt und man betet, das Auto möge bitte nicht ausgerechnet jetzt liegen bleiben. Von dort ging es in einem Tagestrip zum Góðafoss (Götterwasserfall) und Myvatn, dem sogenannten Mückensee; beide dick bedeckt mit Schnee und Eis. In Kombination mit dem eisigen Polarwind war ein Aufenthalt außerhalb des Autos quasi unmöglich. Akureyri selbst hat leider nur den Charme einer verlassenen Ostblockkleinstadt. Mehr als einmal ertappte ich mich angesichts der auffallend hässlichen Architektur und aufgrund der Nähe zum Polarkreis beim dem Gedanken, dass ich mich genauso gut in einem Ort in Sibirien befinden könnte. "Downtown" anzuschauen dauert in etwa drei Sekunden, da man lediglich die Fußgängerzone betreten und sich einmal im Kreis drehen muss - schon hat man alles erfasst, das es zu erfassen gibt. Nach diesem Ausflug kam mir Reykjavik das erste mal tatsächlich vor wie eine Metropole.
Auf dem Rückweg "in die Stadt" führte ein Schlenker in den Westen auf die Halbinsel Snæfellssnes, auch gennant "Kleines Island". Spätestens als ich an einem der endlos vielen Wasserfälle dort ausstieg und realisierte, dass ich durch puren Zufall an genau der gleichen Stelle stand wie bereits bei meinem Ausflug in diese Gegen ein halbes Jahr zuvor dachte ich: "Jetzt kommt es gleich; jetzt muss es aber kommen." Aber das Islandgefühl blieb aus. Selbst der Bergdog konnte mir dabei nicht helfen, ein Hund, der in der Nähe des Wasserfalls zu wohnen scheint, unkontrolliert über die Wiesen rennt, offenbar sehr einsam und daher sehr liebesbedürftig ist uns das letzte mal auf Schritt und Tritt unsere Klettertour den Berg hinauf begleitet hatte.
In Reykjavik war ich im Culture House und lief noch einmal durch die Schriftenausstellung, die mich im letzten Oktober so beeindruckt und Yvonne und mich veranlasst hatte wie die Verrückten rote Beeren und eine komische Sorte von Gestein zu sammeln um daraus selbst Tinte zu kochen (was uns natürlich nicht gelang). Ich saß in der Knitting Association und blätterte eine Stunde lang in Magazinen mit Strickmustern, trampte zur "Bláa lónið", der Blauen Lagune, wo ich einen Tag in weißblauem warmen Wasser und Sauna genoss und lief bereits einige male in furchtbarer Kälte den Weg zum Hafen und zurück um Essen aus dem Dumpster zu besorgen. Wenn ich mir die Nase putze schaue ich meist kurz, ob grad auch sicher niemand schaut, um nicht für völlig ekelig gehalten zu werden. Jeder Weg, den ich laufe geschieht automatisch ohne, dass ich nachdenken müsste.
Doch das Islandgefühl wollte nicht eintreten. Bis heute. Als ich die Straße langlief und mich fragte, was ich jetzt eigentlich mal tun könnte sagte plötzlich eine Stimme in mir: "Ja genau: WAS machst du eigentlich hier?" Genau dieses Gefühl, ein wenig verloren zu sein, nichts mehr zu finden, das ich nicht heute, gestern, vorgestern und all die Tage davor auch schon getan hätte, mich zu fragen, was man an dieser winzigen Stadt eigentlich so toll finden kann und wie die Isländer es schaffen, sich nicht der Reihe nach zu Tode zu langweilen ist ein großes Stück vom Islandgefühl. Was für den Rest des Gefühls fehlt sind die Leute, die mit ihren Schreibtischen an die Wand stoßen, mit mir über den Flohmarkt laufen, stricken, fünf mal am Tag die Laugavegur hoch und runter laufen und Island und insbesondere Reykjavik zu dem machen, was es für mich ist: Ein Ort, der eine Hochburg des Tratsches ist, wo jeder genau darüber informiert ist, was du tust, den du an einem Tag dreimal vollständig durchqueren kannst, an dem es nur einen Laden gibt, der Holzleim verkauft (den ich tatsächlich mal brauchte) und der auf mein Großstadtgemüt so schrecklich einengend wirkte. Ohne diese Leute hätte ich nicht irgendwann gesagt: Genau die Dinge, die ich anfangs so schrecklich fand sind das, was mir jetzt gefällt. Es ist schön, wenn man auf dem Weg in den Supermarkt an der Ecke jemanden Bekanntes trifft, für ein kurzes Gespräch stehen bleibt um am Ende dreimal so viele Leute zu sein, da immer wieder jemand anderes grad zufällig vorbei kommt. Ist doch mehr als praktisch, dass alle direkt nebeneinander wohnen - so spontan bin ich nie in Berlin. Und wieso soll ich denn nicht jeden Abend den gleichen Weg spazieren gehen? Immerhin fand ich in Reykjavik im Vergleich zu Berlin immer Begleitung für einen Spaziergang.
Leider sind all die wichtigen Leute nicht mehr da. Und deswegen ist es auch gar nicht so verwunderlich, dass ich heute dachte: Danke Island, dass ich dich kennen lernen durfte. Aber jetzt ist wirklich genug.