Sonntag, 3. April 2011

Aftur á Islandí - Zurück in Island

Ich musste nicht mal den Flughafen verlassen um bekannte Gesichter zu entdecken. An der Kasse im Duty-Free-Shop, wo ich Einkäufe für meine Gastgeber tätige, werde ich plötzlich von hinten angesprochen: "Hey, what are you doing here?!" Vor mir stehen zwei meiner alten Dozentinnen, die gerade aus Dänemark zurück gekommen sind. Bei einem höchstens 30 Minuten dauernden Spaziergang durch die nächtliche Stadt treffe ich einen betrunkenen Domenico, der mir freudig in die Arme fällt und am nächsten morgen postet mir Malcolm auf meine Pinnwand "so it was you i saw last night?".
Willkommen in Island. 
Vor acht Tagen bin ich in Keflavik gelandet und warte seitdem auf "das" Islandgefühl. Aber was ist das eigentlich? Wenn ich an meinen Islandaufenthalt zurück denke erinnere ich mich daran, wie oft ich im Dunkeln die Laugavegur runterlief mit einer leeren Plastiktüte in der Jackentasche und einer Alex an meiner Seite. Wie wir auf dem Rückweg volle Tüten durch die Meute der betrunkenen Partygänger auf der Austurstræti und der Bankastræti schleppten. Ich sehe Ulla und mich unser weniges Geld auf dem Kolaportið ausgeben, erinnere mich an die Strickabende mit Theresa in der Küche, die viel zu klein für so viele Hausbewohner war. Ich höre wie Mikloss viel zu leichter Schreibtisch mit jedem Tippen auf den Laptop gegen die Wand stößt und Ullas arabische Musik über den Flur hallt. Ich erinnere mich an diese unglaubliche Sonne, in der ich gleich in der ersten Woche innerhalb weniger Minuten braun wurde, was mir sonst nicht mal im Hochsommer in Süditalien so schnell passiert und an den Wind, der dich gleichzeitig glauben lässt, dass du jede Sekunde erfrieren wirst. Vor meinen Augen erscheint das "Bonusschwein", das Logo der Billigsupermarktkette, wo ich beim Einkauf vor jedem Regal mindestens eine mir bekannte Person traf. Aber ich denke auch daran, wie ich oft abends kulturgeschockt zuhause blieb wenn die anderen Party machen gingen, wofür ich ohnehin kein Geld hatte und stattdessen strickte, um irgendwann erschöpft einzuschlafen, nicht jedoch ohne vorher noch voller Wehmut festzustellen, dass einer meiner Berliner Freunde auf Facebook Status wie "Search and Destroy tonight!" gepostet hatte. Das Gefühl nicht einmal akademisch sinnvoll beschäftigt zu sein machte den Gefühlszustand dieser Abende nicht besser. Einige Heimwehtränen sind in solchen Momenten geflossen, was ich bis dato nicht von mir kannte.
Aufgrund all dieser Erinnerungen bin ich wieder hier und suche nach etwas, von dem ich nicht weiß, was es ist, das ich aber überall vermute. Gleich am Tag nach meiner nächtlichen Ankuft in der Stadt und der (nicht besonders neuen) Erkenntnis, dass Island eigentlich ein Dorf ist war ich bei "Food not bombs" (der isländischen Vokü) essen, um gleich im Anschluss endlich wieder zwei schöne Teile auf dem Flohmarkt zu erstehen. Am nächsten Tag fuhr ich in den Norden des Landes über die Ringstraße, auf der einem manchmal eine Stunde oder länger niemand begegnet. An der Seite schlängeln sich auf dem Weg zwischen Reykjavik und Akureyri, einer der "größeren" Städte des Landes, endlose Flüsse vor Bergen, die zu dieser Jahreszeit voller Puderzucker sind, ebenso wie ein großer Teil der Lavafelder und Wiesen zu ihren Füßen. Akureyri liegt nur 50 km südlich des Polarkreises und kaum denkt man, es werde Frühling und der Schnee schmelze angesichts der grünen Flecken drumherum langsam landet man ganz plötzlich auf einem Teil der Straße, der so dicht mit Schnee bedeckt und von Nebel umgeben ist, dass die Sichtweite nur noch etwa 5 m beträgt und man betet, das Auto möge bitte nicht ausgerechnet jetzt liegen bleiben. Von dort ging es in einem Tagestrip zum Góðafoss (Götterwasserfall) und Myvatn, dem sogenannten Mückensee; beide dick bedeckt mit Schnee und Eis. In Kombination mit dem eisigen Polarwind war ein Aufenthalt außerhalb des Autos quasi unmöglich. Akureyri selbst hat leider nur den Charme einer verlassenen Ostblockkleinstadt. Mehr als einmal ertappte ich mich angesichts der auffallend hässlichen Architektur und aufgrund der Nähe zum Polarkreis beim dem Gedanken, dass ich mich genauso gut in einem Ort in Sibirien befinden könnte. "Downtown" anzuschauen dauert in etwa drei Sekunden, da man lediglich die Fußgängerzone betreten und sich einmal im Kreis drehen muss - schon hat man alles erfasst, das es zu erfassen gibt. Nach diesem Ausflug kam mir Reykjavik das erste mal tatsächlich vor wie eine Metropole.
Auf dem Rückweg "in die Stadt" führte ein Schlenker in den Westen auf die Halbinsel Snæfellssnes, auch gennant "Kleines Island". Spätestens als ich an einem der endlos vielen Wasserfälle dort ausstieg und realisierte, dass ich durch puren Zufall an genau der gleichen Stelle stand wie bereits bei meinem Ausflug in diese Gegen ein halbes Jahr zuvor dachte ich: "Jetzt kommt es gleich; jetzt muss es aber kommen." Aber das Islandgefühl blieb aus. Selbst der Bergdog konnte mir dabei nicht helfen, ein Hund, der in der Nähe des Wasserfalls zu wohnen scheint, unkontrolliert über die Wiesen rennt, offenbar sehr einsam und daher sehr liebesbedürftig ist uns das letzte mal auf Schritt und Tritt unsere Klettertour den Berg hinauf begleitet hatte.
In Reykjavik war ich im Culture House und lief noch einmal durch die Schriftenausstellung, die mich im letzten Oktober so beeindruckt und Yvonne und mich veranlasst hatte wie die Verrückten rote Beeren und eine komische Sorte von Gestein zu sammeln um daraus selbst Tinte zu kochen (was uns natürlich nicht gelang). Ich saß in der Knitting Association und blätterte eine Stunde lang in Magazinen mit Strickmustern, trampte zur "Bláa lónið", der Blauen Lagune, wo ich einen Tag in weißblauem warmen Wasser und Sauna genoss und lief bereits einige male in furchtbarer Kälte den Weg zum Hafen und zurück um Essen aus dem Dumpster zu besorgen. Wenn ich mir die Nase putze schaue ich meist kurz, ob grad auch sicher niemand schaut, um nicht für völlig ekelig gehalten zu werden. Jeder Weg, den ich laufe geschieht automatisch ohne, dass ich nachdenken müsste.
Doch das Islandgefühl wollte nicht eintreten. Bis heute. Als ich die Straße langlief und mich fragte, was ich jetzt eigentlich mal tun könnte sagte plötzlich eine Stimme in mir: "Ja genau: WAS machst du eigentlich hier?" Genau dieses Gefühl, ein wenig verloren zu sein, nichts mehr zu finden, das ich nicht heute, gestern, vorgestern und all die Tage davor auch schon getan hätte, mich zu fragen, was man an dieser winzigen Stadt eigentlich so toll finden kann und wie die Isländer es schaffen, sich nicht der Reihe nach zu Tode zu langweilen ist ein großes Stück vom Islandgefühl. Was für den Rest des Gefühls fehlt sind die Leute, die mit ihren Schreibtischen an die Wand stoßen, mit mir über den Flohmarkt laufen, stricken, fünf mal am Tag die Laugavegur hoch und runter laufen und Island und insbesondere Reykjavik zu dem machen, was es für mich ist: Ein Ort, der eine Hochburg des Tratsches ist, wo jeder genau darüber informiert ist, was du tust, den du an einem Tag dreimal vollständig durchqueren kannst, an dem es nur einen Laden gibt, der Holzleim verkauft (den ich tatsächlich mal brauchte) und der auf mein Großstadtgemüt so schrecklich einengend wirkte. Ohne diese Leute hätte ich nicht irgendwann gesagt: Genau die Dinge, die ich anfangs so schrecklich fand sind das, was mir jetzt gefällt. Es ist schön, wenn man auf dem Weg in den Supermarkt an der Ecke jemanden Bekanntes trifft, für ein kurzes Gespräch stehen bleibt um am Ende dreimal so viele Leute zu sein, da immer wieder jemand anderes grad zufällig vorbei kommt. Ist doch mehr als praktisch, dass alle direkt nebeneinander wohnen - so spontan bin ich nie in Berlin. Und wieso soll ich denn nicht jeden Abend den gleichen Weg spazieren gehen? Immerhin fand ich in Reykjavik im Vergleich zu Berlin immer Begleitung für einen Spaziergang.
Leider sind all die wichtigen Leute nicht mehr da. Und deswegen ist es auch gar nicht so verwunderlich, dass ich heute dachte: Danke Island, dass ich dich kennen lernen durfte. Aber jetzt ist wirklich genug. 

Samstag, 9. Oktober 2010

Vom Naseputzen und Pöbeln

Mindestens die Hälfte der Isländer muss mich für ein ganz ekelhaftes Geschöpf ohne Anstand halten. Denn in etwa so viele haben mich bereits gesehen, wie ich ein absolutes Verbrechen in Sachen Benehmen begangen habe: Ich habe mir die Nase geputzt. Und nicht nur das; ich habe das benutzte Taschentuch danach in meine Hosentasche gesteckt und erst am nächsten Mülleimer wieder rausgeholt. Isländer finden Naseputzen ekelig. Hier wird der Schnodder hochgezogen, was aus irgendeinem komischen Grund weniger ekelhaft sein soll. Ich brauchte fast zwei Monate um das heraus zu finden und schäme mich im Nachhinein für jedes mal, das ich einen Isländer nach einem Taschentuch gefragt habe. Eine Frage, die mir natürlich stets mit "nein" beantwortet wurde.
Eigentlich hatte ich beschlossen, mich darauf nicht einzulassen und mir gemäß meiner eigenen Kultur weiterhin die Nase zu putzen, besonders angesichts der Tatsache, dass ich derzeit eine dicke fette Erkältung habe. Der dadurch nötig gewordene Einkauf von Taschentüchern (die es trotzdem gibt) jedoch zeigte mir, dass ich mich wohl doch langsam einlebe und auch ein wenig anpasse: Als ich draußen auf der Straße stand, im Arm das riesige Paket Tempotücher musste ich mich einen kleinen Moment lang selbst verfluchen, keine Tüte genommen zu haben. Jeder konnte es sehen: Dieses Mädchen putzt sich die Nase!
Verflucht habe ich letzte Nacht auch die Isländer selbst. Deren Knigge würde ich gern mal lesen; ein Volk, das der Meinung ist, Naseputzen sei ekelig und schubsen legitim hat bestimmt auch noch andere komische Sitten, die ich noch nicht kennen gelernt habe. Wie ich bereits früher erwähnte ist der gemeine Isländer ein exzessiver Feiermensch, der Seinesgleichen sucht. Zu einer exzessiven Party gehört natürlich neben viel Alkohol auch die entsprechende Menge Bewegung in Form von Tanz (oder was man so Tanz nennen mag). Hinzu kommt das Rennen zum Raucherraum, zum Klo, zur Bar und wieder zurück über die proppenvolle Tanzfläche. Was dem Isländer dabei im Weg steht wird einfach rücksichtslos zur Seite geschubst. Wer seine Bewegungen gerne aktiv selbst gestaltet, statt sie durch ständiges Drängeln und Stoßen gestalten zu lassen sollte vielleicht nicht in eine isländische Bar gehen.
Außerdem empfiehlt es sich, ausschließlich Getränke aus Flaschen zu kaufen, da ansonsten circa die Hälfte des Glasinhalts wahlweise auf deinem Hemd, deiner Hose oder im Gesicht des Nebendirtanzenden landet.
Mich stört nicht, dass ich mal angerempelt werde oder mir jemand versehentlich ein wenig Bier über die Hose kippt. Diese Dinge passieren. Aber in Island nun einmal nicht versehentlich. Die Menschen nehmen es wissentlich in Kauf. Es ist ihnen einfach egal, wenn sie dich schubsen und du dadurch gegen jemand anderen stößt, dem das Glas aus der Hand fällt. Selbst wenn sie es bemerken wird kein "Entschuldigung" über ihre Lippen kommen.
Schon völlig in die hinterste Ecke gedrängt tanzte ich letzte Nacht hinter einer sehr voluminösen Dame, die immer näher kam und mich bereits über die halbe Tanzfläche gestoßen hatte. Meine endgültige Ablehnung verdiente sie sich, als sie mir letztendlich mit ihrem Pfennigabsatz auf den kleinen Zeh stieg. Völlig erschrocken vor Schmerz brüllte ich durch den ganzen Laden ein lautes "Aaaaaaaaaaaaauuu!". Sie drehte sich nur kurz um, tötete mich mit ihrem Blick und drehte sich wieder zurück zu ihrem Tanzpartner. Meine Erziehung sagt mir, dass man in einem solchem Moment um Verzeihung bittet. Ich weiß nicht, ob ich daraus, dass sie es nicht getan hat lediglich auf eine andere oder gar keine Erziehung des Isländers schließen soll.
Das Grand Finale der Nacht bestand aus einer Bierdusche. Aus irgendeinem fremden Glas ergoss sich bereits zum dritten mal in dieser Nacht goldener Hefesaft, jedoch nicht wie sonst über meine Hände und das T-Shirt, sondern direkt von oben über meinen Kopf. Kulturen sind verschieden, das macht das Leben mit Menschen anderer Nationen so spannend. Aber in diesem Moment hab ich ihnen allen die Krätze an den Hals gewünscht.

Ich werde mir jetzt gleich ausgedehnt die Nase putzen. Vielleicht steck ich das Taschentuch in meine Hosentasche und trag es die ganze Nacht mit mir herum, nur so zum Spaß. Anschließend werde ich auf eine Party gehen. Eine Erasmusparty, ganz ohne rempelnde Isländer.

Montag, 27. September 2010

Komm ich heut nicht, komm ich morgen....

... aber ich schreib dir auch erst fünf Minuten vorher eine mail um abzusagen. Wenn überhaupt. Wie, du checkst nicht jeden morgen, mittag, abend und auch nochmal nachts dein e-mail-Fach? Tja, selber schuld.

Willkommen in Island, dem Land der Lockerflockigen. Wichtige Informationen werden dir hier erst im letzten Moment mitgeteilt, wobei "wichtig" völlig relativ ist. Außerdem bin ich mir nicht sicher, ob es im Isländischen wohl die Formulierung "langfristige Planung" gibt. Besonders die Uni betreibt dieses Spiel auf olympischem Niveau. Während du nicht davon ausgehen solltest, dass dir mitgeteilt wird wenn der Kurs ausfällt ("Ja, die Dozentin ist noch in Seattle, sie kommt doch erst morgen zurück. Oder nächste Woche, vielleicht aber auch gar nicht. Wir werden sehen.") darf deine Dozentin aber sehr wohl von dir erwarten, dass du morgens um acht alle Unterlagen ausgedruckt vor dir zu liegen hast, die sie dir gestern abend um 22.38 Uhr über das Uni-Intranet zukommen ließ.
Gerade in der Uni werden die vielen Eigentümlichkeiten des Isländers offensichtlich. Anfangs war ich verblüfft darüber, dass wir unsere Dozenten bei den Vornamen ansprechen dürfen, nachdem sie uns zu Beginn der ersten Sitzung bereits ihre gesamte Biographie einschließlich der Namen ihrer Kinder und Enkel mitgeteilt hatten. Die Sache mit den Vornamen überrascht jedoch eigentlich nicht mehr wenn man bedenkt, dass sich ja auch die Nachnamen von den Vornamen der Eltern ableiten und es zusätzlich keine Sie-Form im Isländischen gibt. Die Vorstellung, es sei höflich jemandem mit dem Nachnamen anzusprechen existiert hier einfach nicht. Selbst das Telefonbuch ist nach Vornamen sortiert. Dass dein Dozent dir neben seinem Geburtsort und seinem Lieblinggericht auch noch mitteilt, dass er am liebsten mit seinen Enkelkindern Pilze sammeln geht und die Kinder alle blonde Locken haben verwundert auch niemanden mehr, der mal einen Tag durch Reykjavik gelaufen ist: Die Isländer vermehren sich einfach gerne und vor allem früh (aber dazu mal was an anderer Stelle...), sie sind ausgesprochen kinderfreundlich und manchmal habe ich den Eindruck , ein Kind ist sogar so etwas wie ein Statussymbol.
Außerdem ist mir bereist zu Ohren gekommen, dass der Isländer ein Allrounder ist und gerne von allem etwas macht, was leider auf Kosten des Spezialistentums geht. Dies wird auch in der Uni deutlich: Mein Kurs "Educational settings" befasste sich zuletzt innerhalb einer einzigen Sitzung mit dem Lehren und Lernen von Personen jeden Alters außerhalb der Schule, einem Projekt für amerikanische Schüler und Studenten, die in Island Workshops zum Thema Energiegewinnung und -einsparung besuchen (den Zusammenhang dieser Unterrichtseinheit mit unserem Seminarthema habe ich wirklich gar nicht begriffen) sowie den Unterrichtsbedingungen in ländlichen Gebieten Südafrikas. Gleichzeitig bekamen wir die Hausaufgabe einen Schwimm- oder Strickkurs zu besuchen und in einem Essay zu erläutern, wie die gewählte Fähigkeit vom Lehrer an den Schüler vermittelt wird. Diese Hausaufgabe wird von unserer Dozentin Ingunn beurteilt, die wir leider niemals persönlich treffen werden, da sie in den USA lebt. Aber "maybe we can have a skype conversation with her one day".
Mein Dozent für "Icelandic nature" starrte neulich völlig verblüfft in die Runde als mein Kommiliton Umberto fragte, was denn eigentlich zum Erwerb der 10 Credits notwendig sei. Ob wir eventuell eine Prüfung schreiben oder eine Hausarbeit verfassen müssen? "Examination?", war die Antwort meines Dozenten, "you wanna write an examination?" Seinem Gesicht nach zu urteilen war er selbst noch gar nicht auf die Idee gekommen, dass wir irgendeine Leistung erbringen müssen. Nach kurzem Überlegen kam er zu dem Entschluss, dass es eine ganz großartige Idee sei, wenn wir für die Austauschstudenten des kommenden Jahres einen Erfahrungsbericht verfassen. Wenngleich ich den Zusammenhang mit dem Seminarthema (mal wieder) nicht wirklich verstehe, bin ich damit einverstanden. Ich übersetze ihm gern den Erfahrungsbericht, den ich ohnehin fürs Akademische Auslandsamt verfassen muss ins Englische.
Neben den genannten Kursen bin ich noch für den "Icelandic Self study course" und für "Teaching practice" eingeschrieben. Mehr Kurse dürfe ich nur mit Extragenehmigung meiner Fakultät besuchen wurde mir erklärt. Ich bin mir auch jetzt noch nicht sicher, ob ich darüber lachen oder weinen soll. Vier Kurse nur, der Kombibachelorstudent in mir muss das erstmal begreifen.
Besonders fragwürdig finde ich den Isländischkurs, den ich online absolvieren muss und der für jeden Interessierten nach Registrierung frei zugänglich ist. Im Vorlesungsverzeichnis hieß es noch, es sei ein Gruppenkurs, aber vermutlich ist der Dozent nicht aus dem Urlaub zurück gekommen oder so. Jedenfalls dürfen wir jetzt in Eigenregie Videos mit Dialogen anschauen und anschließend die richtigen Wörter in Lückentexte einfügen. Vorgesehen sind 10 Stunden Workload wöchentlich, sofern man in der Prüfung am Ende des Semesters eine gute Note schreiben möchte. Aber wen bitte interessiert denn schon in Deutschland meine Isländischnote.... "Teaching practice" hat bisher noch nicht begonnen, sieht aber wie der Name schon nahelegt ein Unterrichtspraktikum in einer isländischen Schule vor. Dazu durfte ich Wünsche äußern, welches Fach ich gerne unterrichten möchte. Die einzige Info, die ich bisher habe ist, dass ich an einer Grundschule sein werde.
Langsam dämmert mir immer mehr, dass mir der Islandaufenthalt aus akademischer Sicht nichts bringt. Ich habe das gleiche Problem wie eigentlich alle anderen auch: Ganz viele der ausgeschriebenen Kurse wurden einfach gecancelt. Wir sind ja schließlich in Island; belegste den Kurs nicht dieses Semester, na dann eben im nächsten! Hier bekomme ich eine Vorstellung vom Studium Generale, denn nichts anderes tue ich gerade. Ich finde die Uni wirklich interessant, es macht mir Spaß mich im Rahmen der Islandkunde auch mal mit etwas völlig anderem zu beschäftigen als zuhause und ich empfinde die Atmosphäre an der Uni als sehr angenehm. Jedoch spukt mir im Hinterkopf ständig der Gedanke herum, dass ich hier Zeit verplempere, weil ich überhaupt nicht mit meinem Studium voran komme. Wenn ich Glück habe kann ich mir "Educational settings" zuhause anrechnen lasse, aber das ist auch schon alles. Außerdem finde ich es ein wenig schade, dass ich für den Praxiskurs an eine Grundschule verwiesen wurde, während ich eigentlich ganz bewusst Oberschullehrerin werde.
Aber wer weiß, vielleicht bekomme ich ja am Morgen des ersten Praktikumstages noch eine Mail mit der Info, dass sich alles geändert hat und ich bitte in einer halben Stunde in einer völlig anderen Schule sein soll. Wundern würde es mich nicht.

Samstag, 18. September 2010

Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt. Glücklich allein ist die Seele, die Reykjavik liebt.

Ja, ich fühlte mich vorhin tatsächlich an das Gedicht von Goethe erinnert. Nirgends sonst auf der Welt ist es mir bisher passiert, dass meine Laune so konstant unkonstant ist. Scheint die Sonne (und lässt den Sturm mal zur Abwechslung zuhause), dann steigt meine Laune aufs islandmögliche Höchstmaß. Sobald sie sich hinter einem Haus versteckt oder etwas passiert, das mir nicht in den Kram passt, werde ich grummelig und bemerke wieder all die Dinge, die mir gar nicht gefallen: Die Tomate sieht weder aus wie eine Tomate, noch schmeckt sie wie eine. Ständig sieht man nur das gleiche, weil die Stadt so winzig ist. Nirgends hat man seine Ruhe, selbst wenn man sonntags schwimmen geht sitzen mindestens fünf bekannte Gesichter neben einem im HotPot. Aber vor allem: Nichts kann man hier als Durchschnittsstudent aus Deutschland ohne riesiges Sparkonto bezahlen.
Ich lebe am Existenzminimum. Alle Hartz-IV-Empfänger, die sich beschweren können ja mal versuchen in Island zu leben und mit dem ihnen zur Verfügung stehenden Geld auch noch dieses fremde Land zu erkunden. Ist leider nicht drin. River Rafting am Wochenende? Fehlanzeige. Frustshoppen gegen Heimweh? Fehlanzeige. Automieten und durchs ganze Land brettern? Aber bitte nur, wenn alle Plätze besetzt sind und das Geld durch möglichst viele geteilt werden kann. Selten in meinem Leben war Geld solch ein Dauerthema wie hier. Seit kurzem gehe ich mit meiner Mitbewohnerin Alex containern und stelle fest, dass fast alle Studenten das tun (zumindest die ausländischen). Als wir neulich abends unterwegs sind begegnen wir wie immer grobgeschätzten 29 Leuten, die wir kennen. Jeder zweite davon reagiert auf unsere Aussage, dass wir grad containern gehen mit der Antwort: "Ach ja, machen wir auch immer!" Kleidung hat vermutlich noch niemand in einem "normalen" Geschäft gekauft; dafür kennt inzwischen fast jeder die Adressen der Heilsarmee und des Isländischen Roten Kreuzes.
Das Durchschnittseinkommen eines Mannes in Island liegt bei 41.000 Euro pro Jahr und für Miete, Kleidung, Nahrungsmittel und das eine oder andere Vergnügen ab und an ist man die hier auch schnell los. Für mein Zimmer mit Bett, Einbauschrank, einem Schreibtisch von der Größe eines Tellers und einem sehr kleinen Bad mit Dusche zahle ich mehr als für meine Zwei-Zimmer-Wohnung in Kreuzberg. Die Küche teile ich mit fünf anderen dauerhaft hier wohnenden Studenten und diversen fremden, sich in der Wintersaison nach Island verirrenden Touristen, die ab und an plötzlich morgens mit am Frühstückstisch sitzen. Der einzige wirkliche Luxus ist mein Balkon. Nicht etwa, weil man dort so schön in der Sonne seinen Kaffee trinken könnte, während der eiskalte Polarwind einem um die Ohren fegt, sondern weil ich dadurch mein Zimmer richtig lüften kann. Das normale isländische Fenster verfügt nämlich nur über eine einzige Luke, die sich um etwa 20° ankippen lässt. Meine Mitbewohner aus dem Hinterhaus müssen die Haustür offen stehen lassen um an frische Luft zu kommen.

Die letzten Tage hat mich das Heimweh sehr gequält. Meine Kommilitonen finden es alle unglaublich toll hier, aber ich werde nicht warm mit diesem Land. Die finanzielle Not nagt stark an mir; es macht einfach keinen Spaß selbst im "Bonus" (dem isländischen ALDI) alles als zu teuer zu empfinden. Außerdem komme ich mir wie in einem Käfig mit Laufrad vor: Ständig die gleiche beschränkte Aussicht. Lediglich Alex und meine andere Mitbewohnerin Ulla können mich verstehen, auch ihnen fällt es schwer hier anzukommen.
Ich habe beschlossen die Flucht nach vorne anzutreten und mich mit der Islandkunde in jeglicher Hinsicht zu beschäftigen. Ständig merke ich, wie wenig ich eigentlich über dieses Land weiß. Das letzte halbe Jahr von meiner Bewerbung um den Erasmusplatz bis hin zum Abflug habe ich fast ausnahmslos arbeitend verbracht. Entweder ich habe Geld verdient oder mich meinem Projekt in der Uni gewidmet. Während meine jetzigen Kommilitonen bereits in Nordisland einen Sprachkurs machten und einmal durchs ganze Land fuhren war ich damit beschäftigt, eine dreißigseitige Projektdokumentation zu verfassen. Für Vorbereitungen auf meinen Auslandsaufenthalt war keine Zeit.
Ich konnte mich weder der Landeskunde widmen, noch psychisch auf Island vorbereiten und spüre, dass mir das nun fehlt. Wenn andere davon reden, wo sie am Wochenende waren weiß ich oft nicht einmal von welchem Ort sie sprechen. Wie eine Verrückte sauge ich alles auf, das ich über Island erfahre. Vorgestern war ich im National Museum um mich mit der Geschichte des Landes vertraut zu machen. Obwohl ich schon mehr Credits mache als vorgeschrieben besuche ich neben "Icelandic nature and cultural legacy" noch einen weiteren landeskundlichen Kurs. Mit meinem nichtvorhandenen Geld (wozu hat man eine Kreditkarte) habe ich mich heute mit Literatur eingedeckt. Dieses Land ist merkwürdig und vor allem der Isländer an sich ist mir noch ein Rätsel. Als ich herkam habe ich neben der hübschen Natur vor allem erfahren wollen wie der Isländer lebt. Finden die es gut da oben so mitten im Nordatlantik ganz allein zu leben? Langweilen die sich nie? Fühlen sie sich eigentlich als Europäer? Zumindest die letzte Frage kann ich bereits beantworten. Der Isländer ist ein Isländer. Zu ihren nächsten Nachbarn mögen einige eindeutig europäische Staaten gehören (Schottland, Norwegen...). Mag sein, dass sie ihre dicken fetten Karren aus den USA herschaffen - der Isländer ist ein Isländer ist ein Isländer. Die Isländer sind stolz auf ihr Land und lassen das auch gern raushängen. Und ich habe den Eindruck, sie finden es sogar gut, dass sie so weit oben weg vom Rest der Welt leben. Ich kann mich nicht entsinnen, irgendwo zuvor so ununterbrochen auch unfreiwillig mit der Geschichte und Kultur eines Landes konfrontiert worden zu sein. Tourismus ist eines der wichtigsten Güter des Landes, entsprechend stark wird alles vermarktet, das irgendwie "isländisch" ist. Gleichzeitig scheinen die Isländer eine eingeschworene Gesellschaft zu sein, die niemand anderen benötigt.
Heute erzählte Kristian mir von einem Mann, der ihn angesprochen habe, als er gerade am Wasser lang lief. Der Mann war etwa Mitte fünfzig, steckte in einem schicken Anzug und entstammte seiner Haut- und Haarfarbe nach zu schließen eher aus dem arabischen Raum. Sehr freundlich bat er Kristian auf englisch ihm etwas über die Umgebung zu erzählen.
"Wie heißt dieser Berg dort drüben auf der anderen Seite des Ufers?"
"Das ist der Esja-Berg."
"Aha. Und dieser See? Wie heißt dieser See?"
Kristian schaute ihn völlig verdutzt an und antwortete: "Das ist kein See. Das ist der Nordatlantik."
Sehr beeindruckt antwortete der Mann: "HIER endet der also!"
Kristian erklärte ihm, dass der Atlantik hier nicht ende, sondern das ganze Land einschließe. "Island ist eine Insel."
Was auch immer im Kopf dieses Mannes vor sich ging (ob er sein Gedächtnis verloren hatte, geistig verwirrt, ein merkwürdigerweise sehr gut angezogener Flüchtling von einem Schiff oder gar ein Engel war wie Kristian gerne glauben wollte) so muss ich ihm doch irgendwie Recht geben: HIER endet der Atlantik. Island liegt nicht nur irgendwo knapp unterhalb des nördlichen Polarkreises und Reykjavik nicht zufällig schon auf der nordamerikanischen Kontinentalplatte, sondern tatsächlich am anderen Ende der Welt. Und dieses Ende mit seinem bitterkalten Wind, dem Fünf-Euro-Bier, den orangefarbenen Tomaten und seinen in sich verschworenen Einwohnern muss man wohl einfach lieben, statt von himmeljoch jauchzend in Todesbetrübnis zu stürzen. Aber ich habe dazu ja noch ein bisschen Zeit.

Mittwoch, 15. September 2010

Gehirnfutter - Wichtiges und weniger wichtiges Wissen über Island

Das Alþing, das isländische Parlament wurde 930 in Þingvellir gegründet und ist somit das älteste noch tagende Parlament der Welt. Ein Sitzungsgebäude gab es damals nicht; die teilnehmenden Männer trafen sich unter freiem Himmel.

In Island gibt es 600 verschiedene Arten von Moos.

Reykjavik verfügt über zwei Flüsse in denen man Lachs fischen kann und ist damit eine von zwei Hauptstädten der Welt, in denen das möglich ist. Die andere ist Stockholm.

Auf Island leben mit einer Zahl von ca. 100000 etwa dreimal so viele Schafe wie Menschen. Nach der Schlachtzeit, die im September beginnt, werden es nur noch um die 460000 sein.

Schafskopf und -hoden sind besondere isländische Spezialitäten.

Zwei Drittel der gesamten Bevölkerung des Landes wohnt im Hauptstadtgebiet.

Nach London und New York war Reykjavik die dritte Stadt auf der Welt mit einem Hard Rock Café.

Der Eyjafjallajökull ist mit einer Höhe von 1666 m der achthöchste Berg Islands. Er wird Ehjafjatlajökütl ausgesprochen.

In Island gibt es keine Familiennamen. Die Leute bekommen in der Regel den Namen des Vaters und heißen dann „Sohn des....“ und „Tochter des...“, also „...son“ und „...dóttir“. Es gibt auch die Möglichkeit den Namen der Mutter zu nehmen oder einen der Großeltern. Ich könnte also Janina Christophsdóttir heißen, ebenso wie Reginadóttir oder Heinzdóttir.
Jeder Isländer hat das Recht, seinen Namen zweimal im Leben zu ändern.

Die Schule dauert 14 Jahre.

Im Jahr 2009 lag die Quote ausländischer Mitbürger bei 7,6%.

Der Bankencrash wird auf isländisch Hrunið genannt.

Leifur Eiríksson, ein auf Grönland lebender Isländer, betrat im Jahr 1000 vermutlich als erster Europäer amerikanischen Boden.

Am 21.Dezember 2010, dem kürzesten Tag des Jahres, wird die Sonne voraussichtlich um 11.21 Uhr auf und um 15.30 wieder untergehen.

Sonntag, 12. September 2010

Der große Naturschock


Ich habe es gegooglet und mir wurde lediglich "Naturschmuck" vorgeschlagen, dennoch bin ich mir sicher: Es gibt einen Naturschock. Ich habe ihn. Gestern waren etwa 150 von uns Austauschstudenten (inklusive fast meiner gesamten WG) beim "Rettir" und auf der "Golden Circle Tour". Wir standen vorm Geysir, haben uns vom "Gulfoss", dem "Goldenen Wasserfall" nass spritzen lassen und waren in Þingvellir, dem historischen Ort an dem 930 das Alþing, also das isländische Parlament gegründet wurde. "Rettir" bezeichnet das Zusammentreiben und Sortieren der Schafe zu Beginn des Winters (den man auch Beginn der Schlachtzeit nennen könnte), die das ganze Jahr hindurch frei auf der Insel herum laufen dürfen.
Von neun Uhr morgens an stehen wir drei Stunden auf einer Wiese mitten im Nirgendwo und schauen uns an, wie Isländer jeden Alters in einem Rondell zwischen unzählbar vielen Schafen herumlaufen und mithilfe der Plaketten am Ohr ihre Schafe wiedererkennen. Die identifizierten Schafe werden anschließend durch Tore auf angrenzende Miniweiden verteilt und von dort abtransportiert.

Unzählbar viele Schafen werden von einer angrenzenden Weide in das Rondell getrieben


Die Marke wird gecheckt....
... und dann das Schaf bei den Hörnern gepackt.

Das ganze ist ein riesiges soziales Event. Zumindest für die Isländer. Mamas mit Kleinkindern an den Händen laufen quatschend neben anderen Mamas mit Kleinkindern zwischen den Schafen umher, während der Mann mit den großen Kindern (ca. sechs Jahre aufwärts) Schafe zusammen sammelt. Alle sind sie in Lopi gehüllt (die isländische Schafswolle) und freuen sich. Worüber genau und wieso das alles so aufregend sein soll, erschließt sich uns Ausländern allerdings nicht. Als wir uns irgendwann trauen uns unter die Schaf-Menschen-Menge zu mischen versammelt sich gleich eine riesige Traube von Tieren um mich. Irgendwie scheinen sie zu spüren, dass ich garantiert nicht die Absicht verfolge sie in einen Transporter zu stecken und zum Schlachter zu bringen. Vielmehr versuche ich mich mit diesem Anblick der total verstörten und gestressten Tiere irgendwie zu arrangieren. Völlig gelähmt stehe ich da und beobachte kleine Kinder, die sich an die Hörner und Felle der Schafe krallen und diese zu ihren Toren führen.

Anschließend ist der Geysir dran und, was soll ich sagen, da kommt halt Wasser aus der Erde. Ich kann die Begeisterung der Touristen für dieses sprudelnde Wasserloch in der Erde nicht so richtig teilen. Ich bin totmüde vom frühen Aufstehen, der vielen frischen Luft und den Gefühlen, die Rettir in mir ausgelöst hat. In dem Moment finde ich alles schon nur so mittel, versuche aber gegen den aufkommenden Unmut anzukämpfen und schieße doch ein paar Fotos.

Das Wasser dieses Geysirs schießt etwa 30 m hoch.
 Der nächste Stop ist am Gullfoss. Ich bin schon total hinüber, als wir plötzlich vor diesem Wasserfall stehen, der mich völlig sprachlos macht. Über zwei Stufen rauschen Unmengen an Wasser den Fluß entlang in eine Schlucht. Egal in welche Himmelsrichtung man schaut: Nur endlose Weite, die aussieht wie von der kitschigsten Postkarte und unter uns dieses Naturspektakel, das einem als Stadtkind total die Sprache verschlägt. Ich hatte zwar immer die Vermutung, dass es Orte auf der Erde geben muss, wo keine Häuser stehen, niemand zur U-Bahn hetzt und die Natur noch das Sagen hat, aber hier holt mich eben jene doch etwas zu schnell ein. Ich find alles gut und gleichzeitig schrecklich. "Dieses ganze Naturding" (wie meine Mitbewohnerin Alex es neulich formulierte) überfordert mich und ich verstehe mich selbst nicht.



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Ich bin immer noch überwältigt, wenn ich die Fotos anschaue, wenngleich sie nicht annähernd wiedergeben, was man sieht, wenn man sich tatsächlich dort befindet.
Zurück im Bus schlafe ich sofort völlig erschöpft ein und finde es alles andere als cool, als wir plötzlich schon wieder irgendwo halten und ich mir noch mehr überwältigend schönschreckliche Natur anschauen soll. Darauf habe ich keine Lust, ich würde lieber in ein Flugzeug nach New York steigen und ein bisschen Smog am Big Apple einatmen. Entsprechend entnervt steige ich aus dem Bus, denke mir, dass es mir total egal ist, dass das hier ein total historischer Ort sein soll, stolpere den anderen hinterher - und stehe plötzlich an dem schönsten Ort, den ich hier in Island bisher gesehen habe.






Der Blick von oben - das Wasser ist so klar, dass man bis auf den Grund gucken kann.







Mit Theresa und Kristian klettere ich auf den Felsen, bestaune das klare Wasser, sitze in der Sonne und frage mich, wie ich das alles verkraften soll.
Ich finde diese viele Natur ganz furchtbar, weil sie mich total überfordert. Genau danach habe ich gesucht, als ich herkam. Aber jetzt habe ich einen Naturschock.

Samstag, 11. September 2010

Esja

     Der Esjaberg, etwa 10 km südlich von Reykjavik. Beliebtes Wandergebiet. 


Wer behauptet eigentlich immmer Island sei so kalt?
 Wir sind die drei Punkte links unten.  (Foto: Miklos Farkas www.fizikalfire.biztosan.com)


Mittwoch, 8. September 2010


Ja. Die Autos sehen hier tatsächlich so aus. Bei jeder zweiten Karre handelt es sich um einen Geländewagen, die allerdings immer alle brav stehenbleiben und warten, wenn man die Straße überqueren will. Ich glaube, die Rate der Verkehrstoten in Island ist sehr gering, zumindest die der Fußgänger. Die Rücksicht der Autofahrer beeindruckt mich jeden Tag aufs Neue.
Apropos gering: Ich werde immer wieder nach der Einwohnerzahl Islands gefragt.Im gesamten Land leben ca. 317.000 Menschen, das sind nur 7000 Menschen mehr als Neukölln. 60% von ihnen leben in Reykjavik. Souvenirs mit "ég tala ekki íslensku", also "ich spreche kein isländisch" kann man dort überall kaufen, aber isländisch zu beherrschen ist auch wirklich absolut unnötig. Ich habe noch nicht einmal ins Wörterbuch geschaut; mal abgesehen von der Ticketverkäuferin im Schwimmbad habe ich noch niemanden getroffen, der englisch nicht wenigstens versteht, die meisten jedoch sprechen es auch hervorragend. Ich frage mich, wozu ich eigentich den Sprachkurs belege.

Montag, 6. September 2010

Just another knitting evening with Theresa

Plötzlich Winter. Plötzlich alles anders.

So kenne ich mich gar nicht. Zwar habe ich bisher jedes mal bei längerer Abwesenheit von zuhause irgendwann Heimweh nach Berlin bekommen, diesmal aber beginnt's gleich am Flughafen. Ich stehe in der Schlange zum Boarding zwischen lauter Isländern und reiße mich zusammen nicht loszuflennen. Ich halts genau bis zu meinem Sitzplatz durch. Mein Kopf lehnt am Fenster, ich starre in die Dunkelheit und heule wie ein kleines Kind. Draußen gewittert es, wir können nicht starten und ich frage mich, ob meine Liebsten wohl aus ihrer "Parklücke" auf dem Acker im schönen Dörfchen Schönefeld kommen oder tief im Schlamm feststecken. Nach einer Ewigkeit starten wir doch noch, aber ich bekomme es irgendwie gar nicht wirklich mit. Ich befinde mich in totaler Trance. Der Flug dauert drei Stunden, die ich komplett durchheule und nur eine Pause mache, um mir eine Cola zu bestellen.
Als ich aus dem Flughafen Keflavik trete ist mein erster Gedanke: "Nordpol." Obwohl ich mir einen Pulli, eine Jacke und einen Schal angezogen habe friere ich erbärmlich. In Berlin waren knapp 30° C gewesen, hier sind es gefühlte Minusgrade. Halb erfroren, erschöpft und totmüde erreiche ich um nächtliche 1.30 Ortszeit  (3.30 deutsche Zeit) endlich meine Unterkunft für die kommenden zehn Tage. Ich wohne bei Björg, die in ihrem Einfamilienhaus eine kleine Wohnung mit einem Zimmer, Bad und Küche untervermietet. Die erste Nacht soll ich jedoch als Couchsurferin auf einem Klappbett verbringen, weil die Wohnung noch belegt ist.
Am nächsten morgen wache ich viel zu früh auf und will die Gunst des hoffentlich nicht belegten Badezimmers nutzen. Auf dem Weg ins obere Stockwerk wird mir bewusst, was ich in der Nacht zuvor nur erahnt habe: Ich wohne bei einem Messie. Jedes Stück Sofa, der Boden, alle Regale sind belegt mit riesigen Stapeln von Büchern, Klamotten, Spielzeug, Schuhen und irgendwelchem Krempel. Ich habe so eine Unordnung wirklich noch nie gesehen. Das Badezimmer ist genauso vollgestopft und neben Wäscheständer und Katzenklo lässt sich die Tür nur noch zur Hälfte schließen. Da sich nicht mal ein Ort findet, wo ich das Katzenklo kurzfristig unterbringen könnte bleibt mir nix anderes übrig, als mit halb geöffneter Tür zu duschen. Nach zwei Minuten höre ich die Tür zum Badezimmervorraum aufgehen; kurz darauf öffnet sich auch meine Tür. Während ich mich noch frage, wer denn bitte derart unverschämt ist einfach so reinzumarschieren, wenn das Bad offensichtlich belegt ist erscheint auch schon ein Junge von etwa zehn Jahren im Türrahmen. Und starrt mich an. Und starrt und starrt. Völlig perplex über so viel Dreistigkeit starre ich nur zurück. Plötzlich dreht sich der Kleine um und ich höre ihn nebenan auf dem Klo verschwinden. Es vergeht kaum eine Minute, da öffnet er wieder die Tür, stellt sich neben mich ans Waschbecken und wäscht sich in aller Seelenruhe die Hände. Noch ein letzter Blick und er ist wieder draußen.

Das ist jetzt zwei Wochen her. Inzwischen wohne ich nicht mehr bei Messiebjörg und ihrem Spannersohn, sondern mit mehreren anderen Studenten in einem Guesthouse, das in der Wintersaison seine Zimmer zu "Sonder"preisen an Studenten vermietet. Diese Sonderpreise sind wie alle anderen immer noch enorm hoch. Mittlerweile denke ich nicht mehr bei jedem Artikel, den ich kaufe: "Oh mein Gott, wie unglaublich teuer!", dennoch möchte mir nicht ausmalen, wieviel ich ohne Krise zahlen müsste. (Wer mir ein Carepaket schicken möchte ist herzlich eingeladen!)
Auch an die Temperaturen, die oft gar nicht so niedrig sind, gewöhne ich mich. Habe ich mich anfangs gefragt wie in aller Welt die Einheimischen bei dieser Kälte mit offenen Schuhen rumrennen können, so trage ich inzwischen auch bei nur zehn Grad eine kurze Hose. Alles eine Frage der Gewohnheit. Dabei ist es oft auch gar nicht so kalt; die Sonne besitzt eine ganz schöne Power. Als ich kurz nach meiner Ankunft nach dem Baden im Hot Pot (die sich natürlich immer draußen befinden) nass nur im Bikini in der Sonne liege habe ich danach tatsächlich einen Abdruck am Körper.
Die Stadt, so habe ich den Eindruck, kenne ich inzwischen nahezu vollständig. Mit der arroganten Art des Großstädters lache ich innerlich über eine sogenannte Hauptstadt, in der man alles zu Fuß erreicht. Eben rief mich Theresa an, auch eine deutsche Austauschstudentin, die sich am anderen Ende des Bezirks befand - ich konnte das Flugzeug, das die Hintergrundgeräusche durchs Telefon erzeugte gleichzeitig über mein Haus donnern hören. Jeder kennt hier jeden, wann immer ich aus dem Haus gehe sehe ich bekannte Gesichter. "Wir sehen uns!" ist hier nicht nur eine Floskel, wer es verpasst die Tussi in der Bar nach ihrer Telefonnummer zu fragen muss nur ein paar Tage warten und bekommt eine neue Gelegenheit. Malcolm, ein Halbfranzose-Halbschotte, der seit mittlerweile drei Jahren hier lebt, unterhält sich neulich im Kaffibarinn (DER Szenekneipe des Landes) mit einer Blondine und wird danach nicht müde zu erwähnen, wie unglaublich erstaunlich es doch sei, dass er dieses Mädchen in der ganzen Zeit hier noch nie kennengelernt habe.

Insgesamt gibt es in Reykjavik nicht wirklich viel zu tun. Meine Vorlesungen haben immer noch nicht begonnen, die immergleichen Gesichter und Geschäfte (die man in der Regel ohnehin nicht zahlen kann), Partys gibt es unter der Woche nicht. Dafür feiern die Isländer am Wochenende umso ausgelassener. Die Staßen, die tagsüber in einem Dämmerschlaf liegen sind nachts plötzlich überfüllt und es wird gedrängelt, geschubst und hemmungslos der überteuerte Alkohol mit dem Mund auf unschuldige Partygänger geprustet. Von meiner ersten Party komme ich mit lauter Glassplittern in den Schuhsohlen und von oben bis unten mit Bier bespritzt zurück.
Für tagsüber habe ich mir ein neues Hobby zugelegt: Ich stricke jetzt. Das ist nicht nur eine prima Freizeitbeschäftigung, der man in Bus, Uni und Bett nachgehen kann, sondern gleichzeitig eine Annäherung an die isländische Kultur. Nichts kann man in so vielen Läden kaufen wie den traditionellen Islandpulli in jeder Farbe und unendlich vielen Mustern. Inzwischen bin ich schon richtig besessen und bekannt als die, die immer strickt. Mir fällt nichts ein, das ebenso produktiv wie entspannend gleichzeitig wäre wie Stricken. Parole: Knit a bit!

Reykjavik ist winzig, die Leute sprechen eine Sprache, die nicht von dieser Welt ist und das einzige, das hier nicht mit der Kreditkarte gezahlt wird ist das Ticket im Bus, den man ausschließlich nutzt, wenn man die Stadt verlassen möchte. Ich habe das Gefühl schon Ewigkeiten hier zu sein und fühle mich gleichzeitig ganz furchtbar fremd. 2380 km trennen mich von zuhause, das ist in etwa die gleiche Strecke wie von Berlin nach Gibraltar, doch dieses Land hier kann man nur mit dem Flugzeug verlassen, außer man möchte mit dem Schiff über die Faröer Inseln, Finnland und Dänemark fahren. Ein ganz merkwürdiges Gefühl.

Auf dem Esjaberg