Samstag, 9. Oktober 2010

Vom Naseputzen und Pöbeln

Mindestens die Hälfte der Isländer muss mich für ein ganz ekelhaftes Geschöpf ohne Anstand halten. Denn in etwa so viele haben mich bereits gesehen, wie ich ein absolutes Verbrechen in Sachen Benehmen begangen habe: Ich habe mir die Nase geputzt. Und nicht nur das; ich habe das benutzte Taschentuch danach in meine Hosentasche gesteckt und erst am nächsten Mülleimer wieder rausgeholt. Isländer finden Naseputzen ekelig. Hier wird der Schnodder hochgezogen, was aus irgendeinem komischen Grund weniger ekelhaft sein soll. Ich brauchte fast zwei Monate um das heraus zu finden und schäme mich im Nachhinein für jedes mal, das ich einen Isländer nach einem Taschentuch gefragt habe. Eine Frage, die mir natürlich stets mit "nein" beantwortet wurde.
Eigentlich hatte ich beschlossen, mich darauf nicht einzulassen und mir gemäß meiner eigenen Kultur weiterhin die Nase zu putzen, besonders angesichts der Tatsache, dass ich derzeit eine dicke fette Erkältung habe. Der dadurch nötig gewordene Einkauf von Taschentüchern (die es trotzdem gibt) jedoch zeigte mir, dass ich mich wohl doch langsam einlebe und auch ein wenig anpasse: Als ich draußen auf der Straße stand, im Arm das riesige Paket Tempotücher musste ich mich einen kleinen Moment lang selbst verfluchen, keine Tüte genommen zu haben. Jeder konnte es sehen: Dieses Mädchen putzt sich die Nase!
Verflucht habe ich letzte Nacht auch die Isländer selbst. Deren Knigge würde ich gern mal lesen; ein Volk, das der Meinung ist, Naseputzen sei ekelig und schubsen legitim hat bestimmt auch noch andere komische Sitten, die ich noch nicht kennen gelernt habe. Wie ich bereits früher erwähnte ist der gemeine Isländer ein exzessiver Feiermensch, der Seinesgleichen sucht. Zu einer exzessiven Party gehört natürlich neben viel Alkohol auch die entsprechende Menge Bewegung in Form von Tanz (oder was man so Tanz nennen mag). Hinzu kommt das Rennen zum Raucherraum, zum Klo, zur Bar und wieder zurück über die proppenvolle Tanzfläche. Was dem Isländer dabei im Weg steht wird einfach rücksichtslos zur Seite geschubst. Wer seine Bewegungen gerne aktiv selbst gestaltet, statt sie durch ständiges Drängeln und Stoßen gestalten zu lassen sollte vielleicht nicht in eine isländische Bar gehen.
Außerdem empfiehlt es sich, ausschließlich Getränke aus Flaschen zu kaufen, da ansonsten circa die Hälfte des Glasinhalts wahlweise auf deinem Hemd, deiner Hose oder im Gesicht des Nebendirtanzenden landet.
Mich stört nicht, dass ich mal angerempelt werde oder mir jemand versehentlich ein wenig Bier über die Hose kippt. Diese Dinge passieren. Aber in Island nun einmal nicht versehentlich. Die Menschen nehmen es wissentlich in Kauf. Es ist ihnen einfach egal, wenn sie dich schubsen und du dadurch gegen jemand anderen stößt, dem das Glas aus der Hand fällt. Selbst wenn sie es bemerken wird kein "Entschuldigung" über ihre Lippen kommen.
Schon völlig in die hinterste Ecke gedrängt tanzte ich letzte Nacht hinter einer sehr voluminösen Dame, die immer näher kam und mich bereits über die halbe Tanzfläche gestoßen hatte. Meine endgültige Ablehnung verdiente sie sich, als sie mir letztendlich mit ihrem Pfennigabsatz auf den kleinen Zeh stieg. Völlig erschrocken vor Schmerz brüllte ich durch den ganzen Laden ein lautes "Aaaaaaaaaaaaauuu!". Sie drehte sich nur kurz um, tötete mich mit ihrem Blick und drehte sich wieder zurück zu ihrem Tanzpartner. Meine Erziehung sagt mir, dass man in einem solchem Moment um Verzeihung bittet. Ich weiß nicht, ob ich daraus, dass sie es nicht getan hat lediglich auf eine andere oder gar keine Erziehung des Isländers schließen soll.
Das Grand Finale der Nacht bestand aus einer Bierdusche. Aus irgendeinem fremden Glas ergoss sich bereits zum dritten mal in dieser Nacht goldener Hefesaft, jedoch nicht wie sonst über meine Hände und das T-Shirt, sondern direkt von oben über meinen Kopf. Kulturen sind verschieden, das macht das Leben mit Menschen anderer Nationen so spannend. Aber in diesem Moment hab ich ihnen allen die Krätze an den Hals gewünscht.

Ich werde mir jetzt gleich ausgedehnt die Nase putzen. Vielleicht steck ich das Taschentuch in meine Hosentasche und trag es die ganze Nacht mit mir herum, nur so zum Spaß. Anschließend werde ich auf eine Party gehen. Eine Erasmusparty, ganz ohne rempelnde Isländer.

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